Anne Berres
Konferenzdolmetschen


Noch Fragen?


Warum müssen Dolmetscher im Team arbeiten?

Stellen Sie sich Dolmetschen wie Intervalltraining vor, nur dass der hier betroffene Muskel das Gehirn ist. Beim Dolmetschen müssen sehr viele kognitive Prozesse gleichzeitig ablaufen: hören, das Gehörte verarbeiten, es analysieren und in Sinneinheiten aufteilen. Diese Sinneinheiten werden gedanklich in die andere Sprache übertragen, während die nötige Fachterminologie abgerufen und die Satzstellung an die Erfordernisse der Zielsprache angepasst wird. Dann wird dieser Sinnabschnitt in der Zielsprache ausgesprochen.

Mit der einen Hälfte der Aufmerksamkeit stellt der Dolmetscher dann sicher, dass das Gesagte auch korrekt war. Ansonsten käme es zu Wortsalaten und Zungendrehern. Derweil verfolgt er mit der anderen Hälfte der Aufmerksamkeit weiterhin die Rede, denn Rede und Verdolmetschung finden gleichzeitig statt.

Ebenfalls gleichzeitig müssen häufig noch der Inhalt von Präsentationen und eventuelle Reaktionen aus dem Publikum mitverfolgt werden. Hier laufen also sehr viele Prozesse parallel ab.


Dies hat zur Folge, dass unser Muskel, das Gehirn, nach einer gewissen Zeit erschöpft ist und Erholung braucht. Wie beim Intervalltraining geht ansonsten das große Muskelzittern los, bis man letztendlich hyperventiliert. Bevor das geschieht, sollte man sich also besser mit seinem Teampartner abwechseln. In der Regel wird daher stets nur ca. 20-30 Minuten am Stück gedolmetscht. In der Pause kann das Gehirn wieder neue Kraft schöpfen, sodass auch am Ende eines langen Konferenztages noch eine gute Leistung erbracht werden kann.



Spezialisieren Dolmetscher sich auf bestimmte Fachgebiete?

Nicht direkt. Unsere Einsätze sind sehr unterschiedlich und decken ein breites Themenspektrum ab. Deswegen ist es nicht möglich, sich auf ein konkretes Themenfeld zu spezialisieren, sondern wir müssen uns immer wieder in völlig neue Themenbereiche einarbeiten. Das ist es auch, was den Beruf für mich so spannend macht.


Warum müssen Dolmetscher sich vorbereiten?

Grundsätzlich gilt: Was man nicht versteht, kann man nur schwerlich in die Zielsprache übertragen. Deshalb müssen Dolmetscher sich gründlich in die Inhalte und Zusammenhänge eines Fachgebiets einarbeiten, um einem Vortrag folgen und ihn entsprechend in die Zielsprache übertragen zu können. Auch den Fachwortschatz (auch Terminologie genannt) muss man sich aneignen, um sich korrekt ausdrücken zu können. Je nach Komplexität des Themas nimmt die Vorbereitung sogar wesentlich mehr Zeit in Anspruch als der eigentliche Dolmetscheinsatz!


Was brauchen Dolmetscher zur Vorbereitung?

Je mehr Materialien zur Verfügung gestellt werden, desto besser. Dazu gehören die Tagesordnung, eine Teilnehmerliste, Konferenzbände von vorherigen Tagungen, die Lebensläufe der Redner, eventuelle Publikationen, auf die sich die Redner berufen, Manuskripte oder Redenotizen und die Präsentationen. Natürlich werden alle zur Verfügung gestellten Materialien strikt vertraulich behandelt.


Bei welcher Art Veranstaltungen werden Konferenzdolmetscher eingesetzt?

Hier gibt es eine breite Palette an Veranstaltungen:


Politik

Klassische politische Reden, Delegationsbegleitungen, Pressekonferenzen, Podiumsdiskussionen, Verhandlungen, Ausschusssitzungen, Parlamentssitzungen

Wirtschaft

Seminare, Schulungen, Werksführungen, Product Launches, Vorstandssitzungen, Aufsichtsratssitzungen, Presse- und Bilanzpressekonferenzen, Hauptversammlungen, Europäische Betriebsräte

Wissenschaft

Wissenschaftliche Fachkongresse, Symposien

Großveranstaltungen

Preisverleihungen, Events aus den Bereichen Sport und Kultur


 

Warum muss es eine schallisolierte Dolmetschkabine sein? Warum reicht die Personenführungsanlage (PFA) nicht?

Waren Sie schon einmal im Kino und Ihre Sitznachbarn haben sich den gesamten Film über unterhalten? So in etwa können Sie sich eine Verdolmetschung mit PFA vorstellen. Dadurch, dass sich der Dolmetscher direkt im Raum des Geschehens befindet, wird durch sein Mikrofon nicht nur der Ton der Verdolmetschung übertragen, sondern auch alle Umgebungsgeräusche. Das ist für den Zuhörer äußerst unangenehm und wird bereits nach kurzer Zeit als anstrengend empfunden, sodass der Zuhörer sich nicht auf den eigentlichen Inhalt konzentrieren kann. Auch der Redner könnte sich gestört fühlen, wenn der Dolmetscher sich nahe zu ihm stellen muss, um das Gesagte zu vernehmen:  Wenn der Dolmetscher dann in unmittelbarer Nähe zum Redner seine Verdolmetschung ins Mikrofon flüstert, wird der Redner von den Hintergrundgeräuschen vermutlich abgelenkt und verunsichert.


Auch der Dolmetscher muss versuchen, andere Umgebungsgeräusche auszublenden, um sich voll und ganz auf den Redner konzentrieren zu können. Oftmals gelingt dies allerdings nicht und durch die schlechte Akustik gehen bei der Verdolmetschung Inhalte verloren. Flüstern ist zudem anstrengender für die Stimme als normallautes Sprechen, weshalb der Dolmetscher vermutlich keinen ganzen Tag durchhält. Der Einsatz einer schallisolierten Kabine ist deswegen im Sinne aller Beteiligten. PFAs sind lediglich für Szenarien geeignet, in denen ein hohes Maß an Mobilität nötig ist, so z. B. bei einer Werksführung.


 

Warum wird in Tageshonoraren abgerechnet, wenn ich Sie doch nur für einen halben Tag brauche?

Mit der Annahme Ihres Auftrags erklärt sich der Konferenzdolmetscher bereit, den ganzen Tag für Sie zur Verfügung zu stehen. So ist es auch kein Problem, wenn z. B. ein Redner mit Verspätung zur Konferenz kommt oder sich die gesamte Veranstaltung in die Länge zieht. Wir halten uns den Tag für Sie frei, um alle Eventualitäten mit einzukalkulieren und nicht überstürzt zu einem weiteren Auftrag fahren zu müssen und Sie somit im Stich zu lassen. Zuverlässigkeit steht bei uns an erster Stelle.


Wie weit im Voraus sollte ich Konferenzdolmetscher buchen?

Als Faustregel gilt: je früher, desto besser. Wenn wir einen Auftrag annehmen, ist dieser Termin fest für diesen Kunden reserviert, frei nach dem Motto „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“. Je näher Ihre Veranstaltung rückt, desto wahrscheinlicher ist es also, dass wir den Termin bereits für einen anderen Kunden reserviert haben oder dass alle qualifizierten Dolmetscher, die Ihren Sitz in Nähe Ihres Veranstaltungsortes haben, bereits ausgebucht sind. Wenn dann ein anderer Dolmetscher aus weiterer Entfernung anreisen muss, erhöht das die Reisekosten.

 

Kann mich eine Übersetzungsagentur nicht besser beraten?

Möglich, aber unwahrscheinlich. Agenturen beschäftigen oftmals Vermittler, die fachfremd sind und sich deshalb nicht vollständig mit der Problematik auskennen. Sie können Ihnen daher auch nicht ausreichend kompetent mit Rat und Tat zur Seite stehen. Die meisten Dolmetscher, die sie vermitteln, haben die Agenturen selbst noch nie gesehen und können deswegen auch ihre Kompetenz nicht genau einschätzen. Auch bei der Organisation von Teams kann es sein, dass Agenturen willkürlich Teams von Dolmetschern zusammenstellen, die möglicherweise nicht gut zusammenarbeiten. Auch preislich liegen sie meist nicht günstiger als das, was andere Dolmetscher berechnen würden, nur dass hiervon nicht 100% an den Dolmetscher gehen, sondern bedeutend weniger. Dies hat zur Folge, dass der Agenturendolmetscher nicht so viel Zeit in die Vorbereitung Ihrer Konferenz investieren kann, wie er das eigentlich müsste. Letztendlich leiden die Teilnehmer der Konferenz unter einer qualitativ schlechteren Verdolmetschung, was ihnen einen negativeren Gesamteindruck von der Veranstaltung vermitteln wird. 


Warum wird ein Aufzeichnungshonorar berechnet?

Eine Verdolmetschung ist nur für den Moment gedacht, nicht zur späteren Anhörung. Übersetzungen jeglicher Art sind als Originalwerke geschützt, und Übersetzer genießen Urheberrechtsschutz. Auch die Leistungen von Konferenzdolmetschern werden als Übersetzungen im Sinne der Berner Übereinkunft angesehen, laut welcher die festgelegten Exklusivrechte dem Urheber, also dem Dolmetscher, zustehen. Deswegen benötigen Sie für die Aufzeichnung der Verdolmetschung stets die schriftliche Zustimmung aller Dolmetscher, wofür auch ein Aufzeichnungshonorar berechnet wird.


Worin liegt der Unterschied zwischen Übersetzen und Dolmetschen?

Übersetzen ist die Übertragung eines schriftlichen Textes von einer Sprache in die andere. Dolmetschen bedeutet, dass ein mündlicher Text in eine andere Sprache übertragen wird, und zwar ebenfalls mündlich. Das kann zeitversetzt stattfinden (Konsekutivdolmetschen), wenn der Dolmetscher zunächst einem Redeabschnitt zuhört, sich dabei Notizen macht, und die Rede dann anhand seiner Notizen in der anderen Sprache wiedergibt. Aber die Verdolmetschung kann auch gleichzeitig mit der Rede stattfinden. In diesem Fall spricht man von Simultandolmetschen.


Und was machen Sie, wenn Sie ein Wort nicht wissen?

Um solchen Situationen vorzubeugen, bereiten Konferenzdolmetscher sich sehr ausführlich auf den Einsatz vor. Wir lesen sehr viel über den Fachbereich, schauen uns die Publikationen der Redner an, arbeiten die Konferenzunterlagen durch und eignen uns den Fachwortschatz an. Trotz der intensiven Vorbereitung kann es vorkommen, dass der Redner ein Wort benutzt, dass der Dolmetscher nicht kennt. Ausgebildete Konferenzdolmetscher haben bereits im Masterstudium Techniken erlernt, wie sie mit solchen Situationen umgehen, ohne die Nerven zu verlieren. Meistens können wir uns so und dank der guten Einarbeitung in das Thema die Bedeutung erschließen und anhand der gängigen Wortbildungsverfahren in der Zielsprache eine plausible Entsprechung finden oder mit einer Umschreibung arbeiten.